Radikalisierte Sprache

Kolumne Hanauer Anzeiger

Ein Wesenszug unserer Demokratie ist die Meinungsfreiheit. Das legitimiert nicht automatisch, jeden Unsinn in die Welt zu setzen. Und auch der Wert einer Debatte wird damit nicht immer besser. Aber es fordert von uns Demokraten eines ganz gewiss: Respekt gegenüber anderen und deren Meinung. In meiner letzten Kolumne habe ich das Thema Trauerbewältigung im Zusammenhang mit dem Brüder-Grimm-Denkmal angesprochen und angeregt, dass zur dauerhaften Erinnerung und Mahnung ein geeigneter Ort jenseits des Brüder-Grimm-Denkmals gefunden werden müsse. Zur Erinnerung an die dunkelste Nacht der Neuzeit und als Mahnung gegen Radikalismus in unserer Mitte. In unendlich vielen Rückmeldungen von Hanauer Bürgern spiegelte sich genau diese Haltung wieder: Die Verurteilung der Tat, tiefes Mitgefühl mit den Angehörigen und der Wunsch nach einem Weg zurück in eine wache Gesellschaft mit angemessener Trauerbewältigung und Erinnerung.

Natürlich gab es auch andere Reaktionen und Meinungen, für die ich Verständnis habe. Und es gab in der Sache selbst sogar Aufklärung, dass die Stadt mit den Angehörigen schon nach einem geeigneten Ort der Erinnerung sucht. Leider wussten das bisher weder Öffentlichkeit noch städtische Gremien, obwohl die Stadt sonst so mitteilungsfreudig ist. Umso mehr verwundert aber die Aufregung und Kritik darüber, dass genau dieses Anliegen von mir aufgegriffen wurde.

Nicht akzeptabel sind allerdings Beschimpfungen, Diskreditierung und Drohungen insbesondere in den sozialen Netzwerken – ausdrücklich nicht von den Angehörigen der Opfer geschehen –, die meinen Beitrag sofort in die Nazi-Ecke schieben wollten. Oder manche Medien, die Auszüge des Textes völlig aus dem Zusammenhang gerissen haben. Mich beeindruckt das nicht. Aber es besorgt mich um den Zustand einer ordentlichen Debattenkultur in unserem Land. Durch die Radikalisierung der Sprache werden Argumente nicht besser. Im Gegenteil, oft gibt es gar keine Argumente außer dem Reflex, andere Meinungen in die radikale rechte Ecke zu verweisen. Genau dagegen haben sich die Väter unseres Grundgesetzes eingesetzt, auf dessen festem Boden ich mich befinde, auch in meiner Haltung gegenüber linkem wie rechtem Radikalismus.

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