Toleranz ist keine Einbahnstraße

Gastkolumne Hanauer Anzeiger

Rund zwei Jahre dauert die Corona-Pandemie nun an. Die dynamischen Maßnahmen, Einschränkungen und Corona-Regeln führen zu immer mehr Verwirrung und der Frage, ob noch alles logisch und richtig ist. Ich habe eine klare Haltung zu den Impfungen. Ich kann nicht verstehen, dass man sich in der Abwägung des nachweislich geringen Impfrisikos und des wissenschaftlich belegten Nutzens bei einer Infektion gegen eine Impfung entscheidet – für sich selbst und für die Gesellschaft.

Welch ein Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften liegt, hat jeder schon im Familien- und Bekanntenkreis erlebt. Die Zahl der Fackelträger und Telegram-Verschwörungstheoretiker ist aber sicherlich nicht groß genug, um von einer Spaltung der Gesellschaft zu sprechen. Und doch gibt es eine stetig wachsende Zahl von Menschen, bei denen Misstrauen und Vertrauensverlust herrscht – der Grund dafür, dass Menschen auf die Straße gehen.

Aber ich bin Demokrat und muss die Meinung anderer akzeptieren. Zumal es keine Impfpflicht gibt, was ich bedaure. Der Umgang der Mehrheit mit der Minderheit ist konstitutiv für eine Demokratie, zu deren Wesen abweichende Ansichten, aber eben auch ein zivilisierter Diskurs gehören. Dabei sollte klar sein: Über Meinungen kann man streiten, über Fakten nicht. Und deshalb ist es der falsche Weg, diejenigen, die ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, pauschal zu verunglimpfen und sie dialektisch in einen Topf mit Querdenkern, Nazis und radikalen Feinden unserer Gesellschaft zu stellen.

All diejenigen, die sich nun kraftvoll in diesem Sinne pauschal gegen die „Spaziergänger“ richten, sollten sich der Wirkung ihrer Aussagen bewusst sein. Sie überzeugen nicht – sie spalten diese Gesellschaft in Gut und Böse. Immerhin reden wir von 15 – 20 Mio. ungeimpften Menschen. Unsere Demokratie hält viel aus. Auch und besonders andere Meinungen. Und ihr ist die Toleranz als Wesensmerkmal eigen – eine Toleranz, die niemals eine Einbahnstraße sein darf. In einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft wird es immer eine Anzahl von Menschen geben, die man schlicht nicht erreicht. Das ist dann halt so. Die Anzahl darf nur nicht zu groß werden. Am Ende überzeugen Argumente und nicht die bloße Diskreditierung Andersdenkender.

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