Aufrecht bleiben

Gastkolumne Hanauer Anzeiger

Am 22. August ist eine große Demonstration am Freiheitsplatz zum Gedenken an den 19. Februar geplant. Dieser 19. Februar wird den Hanauern stets mahnend im Gedächtnis bleiben. An diesem Tag wurden zehn Menschen Opfer eines offensichtlich aus rassistischen Motiven handelnden Täters. Er legte einen Schatten über die Stadt. Eine Stadt, die in ihrer Geschichte schon so manche Last zu tragen hatte und immer wieder aufgestanden ist. Diese Kraft braucht es nun wieder, um zurückzukehren zu einem aufrechten Gang. Die Tat muss aufgeklärt und alle Fragen beantwortet werden. 

 Aber auch die Stadt muss zu einer Normalität zurückkehren können. Die Erinnerung an diesen schrecklichen Tag mit Bildern, Aufklebern, Blumen und Kerzen im Hanauer Stadtbild dauerhaft aufrecht erhalten zu wollen, ist nicht gut. Wir brauchen einen angemessenen Ort der Trauer und Erinnerung, wie etwa eine Gedenktafel am Friedhof. Aber wir sollten die Orte der Geschichte, die Hanau ebenfalls hat, wie am Marktplatz das Denkmal ihrer wohl bekanntesten Söhne, der Brüder Grimm, von dieser dunklen Umklammerung befreien. Das Nationaldenkmal überstand alle Luftangriffe des zweiten Weltkrieges und steht als historisches Kulturdenkmal für den Wiederaufbau der Stadt. Diesen Stellenwert und die Symbolik soll und muss es auch behalten. Zur Bewältigung von Trauer gehört auch das Loslassen. Ich denke, es ist an der Zeit, das Denkmal wieder ausschließlich den Brüdern Grimm zu widmen.

Wir bleiben verantwortlich für und in der Neuzeit. Wir müssen mahnen, erinnern und wach bleiben, sollten dabei aber die Maßstäbe wahren. Die Stadt erwägt die Verleihung der Ehrenplakette in Gold posthum an die neun Opfer des Attentats. Die Ehrenplakette ist eine Auszeichnung für Menschen, die sich im besonderen Maß um die Brüder-Grimm-Stadt verdient gemacht haben. Bei aller Tragik dieser dunklen Nacht und bei allem Verständnis für den Schmerz der Angehörigen, trifft das hierauf nicht zu. Wir schulden ihnen Aufklärung, Respekt und Gedenken. Aber es wäre nicht richtig, dies aus reiner Symbolik mit den Leistungen verdienter Hanauer Bürger, wie Herbert Dröse, Hans Martin oder zuletzt Alptug Sözen, der sein Leben bei der Rettung eines Obdachlosen auf einer Frankfurter S-Bahn-Strecke verloren hat, gleichzusetzen. Dies sollten der Oberbürgermeister und die Verantwortlichen der Stadt nochmals überdenken.

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