Kohleausstieg mit Verstand machen

Gastkolumne Hanauer Anzeiger

Deutschland ist oft Vorreiter. Nicht immer beachten wir die Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Da kann es schon mal passieren, dass wir in unserem Übereifer ganze Wirtschaftszweige in Schieflage bringen. Die Diskussionen über die Stickoxid-Grenzwerte und der deutsche Feldzug gegen den Dieselmotor sind ein Beispiel dafür, wie man die im eigenen Land entwickelte Technik systematisch wieder zerstört.

Vor wenigen Tagen hat nun die sog. Kohlekommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Demnach geht im Jahr 2038 das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland vom Netz und besiegelt das Ende der unbestritten klimaschädlichen Kohleverstromung. Damit steht Deutschland vor einem historischen Kraftakt.

Manch einem geht das Ausstiegszenario zu langsam. Anderen wiederum zu schnell. Ich rate dazu, dass wir bei allem Eifer mit Vorsicht, Verstand und Augenmaß an diese Thematik herangehen. Deutschland ist keine Insel. Der Ausstieg und seine Folgen müssen in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden. Auch der Ausstieg aus der Kernenergie war richtig. Aber der schnelle Zubau und die Subvention erneuerbarer Energiequellen haben zu den europaweit höchsten Strompreisen geführt und den Wirtschaftsstandort Deutschland wie Privatverbraucher massiv finanziell belastet. Weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen.

Der Kohleausstieg ist nicht trivial. Wenn in 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netzt geht, werden immer noch rund 50 % der Energie aus Kohle, Gas und ausländischen Kernkraftwerken kommen. Ein kompletter Verzicht auf Kohlestrom erfordert daher Antworten auf viele Fragen: Versorgungssicherheit, Strompreisentwicklung - zwei für den Wirtschaftsstandort wichtige Fragen -, Abhängigkeit von Gaslieferungen, Ausbau der Übertragungsnetze oder auch eine Perspektive für die Menschen, die in den Kohlerevieren ihre Arbeitsplätze verlieren. 

Der Ausstieg aus der Kohle darf kein deutscher Alleingang werden, dessen Kosten am Ende nur der deutsche Steuerzahler und die Wirtschaft tragen und der Nutzen für das Klima über einen Symbolwert nicht hinausgeht, wenn es keine weltweiten Initiativen gibt. Gerade deshalb sollten die Diskussionen nun mit Augenmaß und Verantwortung für Deutschland geführt werden. Ideologiefrei und mit Vernunft, weil es eben nicht nur um den Klimaschutz geht. 

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